Was ist der Schwarmtrieb? – Der Schwarmtrieb ist der natürliche Vermehrungsinstinkt eines Bienenvolks, bei dem sich das Volk teilt: Die alte Königin zieht mit einem Großteil der Bienen als Schwarm aus, während im ursprünglichen Stock eine junge Königin heranwächst. Er ist die Art, wie sich ein Honigbienenvolk als Ganzes fortpflanzt, und tritt vor allem im Frühjahr und Frühsommer auf.
Für Dich als Imker ist der Schwarmtrieb eines der zentralen Themen der Saison. Verstehst Du ihn, kannst Du ihn lenken, zur Volksvermehrung nutzen oder rechtzeitig dämpfen. Übersiehst Du ihn, verlierst Du im schlimmsten Fall die Hälfte Deiner Flugbienen und einen großen Teil der Honigernte, wenn ein Schwarm unbemerkt abgeht. Dieser Eintrag erklärt Dir, wodurch der Schwarmtrieb ausgelöst wird, wie Du ihn erkennst und wie Du im Frühjahr sinnvoll damit umgehst.
Warum entwickeln Bienen einen Schwarmtrieb?
Der Schwarmtrieb ist die einzige Form der natürlichen Vermehrung auf Volksebene. Ein einzelnes Bienenvolk kann sich nur dadurch vervielfältigen, dass es sich teilt. Während die Königin täglich für Nachwuchs an Einzelbienen sorgt, entsteht ein komplett neues, eigenständiges Volk ausschließlich über den Schwarm. Aus Sicht der Evolution ist der Schwarmtrieb also kein Fehler, sondern der wichtigste Überlebensmechanismus der Art: Nur schwärmende Völker verbreiten sich und besiedeln neue Nistplätze.
Ausgelöst wird der Trieb durch ein Bündel von Faktoren, die im Frühjahr zusammenkommen. Ein starkes, individuenreiches Volk, Enge im Brutraum, ein Überangebot an Ammenbienen, üppige Tracht und eine nachlassende Wirkung der königlichen Botenstoffe wirken zusammen. Je mehr Bienen im Stock sind und je weniger Platz sie haben, desto stärker steigt der Drang, sich zu teilen. Auch das Alter der Königin spielt eine Rolle: Ältere Königinnen geben weniger von jenem Pheromon ab, das das Volk zusammenhält und den Schwarmtrieb bremst.
Wann tritt der Schwarmtrieb auf?
Die klassische Schwarmzeit liegt in Mitteleuropa zwischen etwa Mai und Juni, kann bei mildem Wetter aber schon im April beginnen und sich bis in den Juli ziehen. In dieser Phase sind die Völker nach der Frühjahrsentwicklung auf ihrem Höhepunkt: viel Brut, viele junge Bienen, reichlich Tracht. Genau dieser Überschuss an Bienen und Nahrung schafft die Voraussetzung für den Schwarm. Die intensive Blüte vieler Trachtpflanzen im Frühjahr befeuert die Volksentwicklung zusätzlich und fällt deshalb bewusst mit der Schwarmzeit zusammen.
Innerhalb dieser Wochen prüfst Du Deine Völker regelmäßig, in der Hochphase idealerweise etwa alle sieben bis neun Tage. Dieser Rhythmus ist kein Zufall: Von der Anlage einer Schwarmzelle bis zum tatsächlichen Ausziehen des Schwarms vergehen ungefähr neun Tage. Kontrollierst Du in diesem Abstand, entdeckst Du angelegte Schwarmzellen rechtzeitig, bevor der Schwarm abgeht. Größere Kontrollabstände reichen in der Schwarmzeit nicht aus.
Woran erkennst Du den beginnenden Schwarmtrieb?
Das sicherste Zeichen ist die Anlage von Weiselzellen, auch Schwarmzellen genannt. Das sind die auffällig großen, nach unten hängenden Zellen, in denen das Volk neue Königinnen heranzieht. Bei der Durchsicht findest Du sie meist an den Unterkanten und Rändern der Waben. Sobald bestiftete oder verdeckelte Schwarmzellen vorhanden sind, ist der Schwarmtrieb voll im Gang. Mehr zu diesen Zellen liest Du im Eintrag zur Weiselzelle.
Es gibt weitere Anzeichen, die dem Zellbau vorausgehen. Häufig sammeln sich Bienentrauben vor dem Flugloch, das Volk wirkt trotz guter Tracht weniger sammelaktiv, und die Königin legt weniger Eier, weil die Bienen sie vor dem Schwärmen „schlanklegen", damit sie flugfähig wird. Diese Vorzeichen richtig zu deuten, kommt mit der Erfahrung. Für den Anfang gilt: Wer regelmäßig und gründlich nach Schwarmzellen sucht, verpasst den Trieb nicht.
Wie läuft das Schwärmen selbst ab?
Kommt es zum Schwarm, verlässt die alte Königin an einem warmen, meist sonnigen Vormittag mit etwa der Hälfte der Bienen den Stock. Zuvor haben sich die Schwarmbienen mit Honig vollgesogen, um Vorrat für den Umzug zu haben. Der Schwarm sammelt sich zunächst als Traube in der Nähe – oft an einem Ast – und schickt von dort Spurbienen aus, die einen neuen Nistplatz suchen. Nach Stunden bis wenigen Tagen zieht die Traube geschlossen zum neuen Quartier weiter.
Im ursprünglichen Volk bleibt derweil die Brut mit den Schwarmzellen zurück. Aus einer davon schlüpft die neue Königin, die nach ihrem Hochzeitsflug das Volk weiterführt. Schlüpfen mehrere Jungköniginnen und zieht das Volk noch weitere Schwärme (Nachschwärme), kann es sich stark schwächen. Genau deshalb greift der Imker steuernd ein, statt das Geschehen sich selbst zu überlassen. Wie ein solcher abgegangener Schwarm aussieht und eingefangen wird, beschreibt der Eintrag zum Bienenschwarm.
Wie gehst Du als Imker mit dem Schwarmtrieb um?
Grundsätzlich hast Du zwei Möglichkeiten: den Schwarmtrieb dämpfen oder ihn kontrolliert zur Vermehrung nutzen. Zum Dämpfen sorgst Du frühzeitig für Platz und Entlastung. Das rechtzeitige Erweitern des Brutraums, das Aufsetzen von Honigräumen und das gezielte Entnehmen von Brutwaben nehmen dem Volk die Enge. Auch das regelmäßige Brechen (Ausschneiden) aller Schwarmzellen bei der Kontrolle verhindert das Ausschwärmen – allerdings nur, wenn Du wirklich jede Zelle findest, sonst schwärmt das Volk trotzdem. Für das rechtzeitige Erweitern hältst Du am besten ausgebaute Zargen und frische Mittelwände bereit, damit Du im Schwarmfall nicht erst zusammensuchen musst.
Eine wirkungsvollere und schonendere Methode ist das Bilden eines Ablegers. Dabei entnimmst Du dem schwarmlustigen Volk Brutwaben mit ansitzenden Bienen und setzt daraus ein neues Jungvolk an. Das entlastet das Muttervolk, nimmt ihm den Schwarmdruck und liefert Dir gleichzeitig ein zusätzliches Volk – der Schwarmtrieb wird so vom Problem zur Chance. Für den Ableger brauchst Du eine weitere Beute; passende Bienenkästen und das nötige Zubehör hältst Du in der Schwarmzeit am besten bereit. Ein passender Kasten aus dem Bereich Ablegerkästen ist dafür handlicher als eine komplette Beute.
Willst Du gezielt neue Königinnen erzeugen, nutzt Du den Schwarmtrieb zur Nachzucht. Die vom Volk angelegten Schwarmzellen liefern Dir bereits hochwertige Jungköniginnen, die Du in Ableger umsetzen kannst. Wer planvoller vorgeht, steigt in die gezielte Vermehrung ein – das nötige Material dafür findest Du unter Königinnenzucht. So verwandelst Du den natürlichen Trieb in kontrollierten Volkszuwachs. Zeichnest Du die junge Bienenkönigin gleich nach dem Schlupf, behältst Du Alter und Herkunft dauerhaft im Blick.
Warum solltest Du den Schwarmtrieb nicht einfach ignorieren?
Ein unbemerkt abgehender Schwarm kostet Dich unmittelbar Volk und Ertrag. Mit der alten Königin verlierst Du rund die Hälfte der Flugbienen, und die Honigleistung des Restvolks bricht für Wochen ein, weil die Sammelmannschaft fehlt und das Volk erst wieder eine neue Königin einweiseln muss. Für Ertragsimker ist ein ungewollter Schwarm damit ein doppelter Verlust.
Hinzu kommt die Verantwortung nach außen. Ein wild abgegangener Schwarm kann sich in Gärten, an Hauswänden oder in Rollladenkästen niederlassen und Nachbarn beunruhigen. Ein sorgsamer Imker hält seine Völker deshalb unter Kontrolle, prüft in der Schwarmzeit engmaschig und greift rechtzeitig ein. Der Umgang mit dem Schwarmtrieb gehört damit zu den wichtigsten Fertigkeiten in der Imkerei – und wer ihn beherrscht, hat die Volksführung im Frühjahr sicher im Griff.
Wie unterscheidet sich der Schwarmtrieb von einer stillen Umweiselung?
Beide Vorgänge führen zu neuen Königinnen, verfolgen aber unterschiedliche Ziele, und diese Unterscheidung ist für die Praxis wichtig. Beim Schwarmtrieb geht es um Vermehrung: Das Volk teilt sich, die alte Königin zieht mit dem Schwarm aus, und der Bestand vervielfältigt sich. Bei der stillen Umweiselung dagegen ersetzt das Volk nur seine alternde oder kranke Königin durch eine junge, ohne zu schwärmen – der Individuenbestand bleibt gleich. Auch die Lage und Zahl der Zellen unterscheiden sich: Schwarmzellen entstehen meist zahlreich an den Wabenunterkanten und -rändern, Umweiselungszellen eher einzeln mitten auf der Wabe. Wer diesen Unterschied kennt, reagiert richtig und schneidet nicht versehentlich die einzige Nachschaffungszelle eines weisellosen Volkes heraus.
Lässt sich der Schwarmtrieb ganz verhindern?
Vollständig abstellen lässt sich der Schwarmtrieb nicht, denn er ist ein tief verankerter Instinkt. Manche Bienenherkünfte gelten allerdings als schwarmträger und legen seltener Schwarmzellen an, weshalb die Auswahl sanftmütiger, schwarmruhiger Linien bei der Königinnenzucht ein wichtiger Hebel ist. In der laufenden Saison zählt jedoch vor allem die imkerliche Betriebsweise: rechtzeitig erweitern, für Beschäftigung durch Baurahmen sorgen, junge Königinnen führen und in der Schwarmzeit konsequent kontrollieren. Wer diese Punkte beherzigt, hält den Schwarmdruck niedrig – ganz ausschalten kann und muss man den natürlichen Trieb aber nicht, denn er lässt sich hervorragend zur eigenen Volksvermehrung nutzen.
Welche Ausrüstung solltest Du in der Schwarmzeit bereithalten?
In der Schwarmzeit zählt Tempo: Wer erst nach dem Werkzeug sucht, wenn die Zellen schon verdeckelt sind, kommt zu spät. Griffbereit gehören eine vollständige Imkerbekleidung, ein gefüllter Smoker und ein sauberer Stockmeißel an den Stand. Ebenso hilfreich sind Stockkarten, auf denen Du Durchsichtstermine, gefundene Zellen und gebildete Ableger notierst – so siehst Du auf einen Blick, welches Volk in Schwarmstimmung steht und wann die nächste Kontrolle fällig ist.